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Frei wie ein Vogel

Zuhause / Österreich

Oder die Freiheit, die man durch fälschliche Bindungen verliert.

 


Es war einmal ein Vogel. Er besaß ein Paar vollkommener Flügel und glänzende, bunte, wunderbare Federn und war dazu geschaffen, frei am Himmel zu fliegen, denen zur Freude, die ihn sahen.

 

Eines Tages sah eine Frau diesen Vogel und verliebte sich in ihn. Sie schaute mit vor Staunen offenem Mund seinem Flug zu, ihr Herz schlug schneller, ihre Augen leuchteten vor Aufregung. Er bat sie, ihn zu begleiten, und beide schwebten in vollkommener Harmonie am Himmel. Und sie bewunderte, verehrte, feierte den Vogel.

 

Aber dann dachte sie: Vielleicht möchte er ferne Gebirge kennenlernen! Und die Frau bekam Angst. Fürchtete, daß sie so etwas mit einem anderen Vogel nie wieder erleben könnte. Und sie wurde neidisch auf den Vogel, der aus eigener Kraft fliegen konnte.

 

Und sie fühlte sich allein.

 

Und dachte: Ich werde dem Vogel eine Falle stellen. Wenn er zurückkommt, wird er nie wieder wegfliegen können.

 

Der Vogel, der auch verliebt war, kam am nächsten Tag zurück, ging in die Falle und wurde in einen Käfig gesteckt.

 

Die Frau schaute täglich nach dem Vogel. Er war ihre ganze Leidenschaft, und sie zeigte ihn ihren Freundinnen, die meinten: „Hast du ein Glück.“ Dennoch vollzog sich eine merkwürdige Veränderung: Seit sie den Vogel besaß und ihn nicht mehr zu erobern brauchte, begann sie das Interesse an ihm zu verlieren. Der Vogel, der nicht mehr fliegen konnte, was den Sinn seines Lebens ausmachte, wurde schwach, glanzlos, häßlich. Die Frau beachtete ihn nicht mehr, fütterte ihn nur noch und reinigte seinen Käfig.

 

Eines Tages starb der Vogel. Die Frau war tieftraurig und konnte ihn nicht vergessen. Aber sie erinnerte sich dabei nicht an den Käfig, nur an den Tag, an dem sie den Vogel zum ersten Mal gesehen hatte, wie er fröhlich zwischen den Wolken dahinflog.

 

Hätte sie genauer in sich hineingeschaut, so hätte sie bemerkt, daß das, was sie am Vogel so sehr begeisterte, seine Freiheit war, sein kräftiger Flügelschlag, nicht sein Körper.

 

Ohne den Vogel verlor auch für die Frau das Leben seinen Sinn, und der Tod klopfte an ihre Tür. – „Wozu bist du gekommen?“ fragte sie den Tod. – „Damit du wieder mit dem Vogel zusammen am Himmel fliegen kannst“, gab der Tod zur Antwort. „Wenn du ihn hättest fliegen und immer wiederkommen lassen, hättest du ihn geliebt und noch mehr bewundert; aber nun brauchst du mich, um ihn wiederzusehen.“

 

Paulo Coelho

 


 

Es ist die Geschichte von der Frau, die dem Vogel ihre Freiheit nahm. Ihr Beweggrund war vermeintlich ihre Liebe für den Vogel, doch ist es wahrhaftig ihre Angst verlassen zu werden, ihre eigene Schwäche, die die Frau dazu bewegte, den Vogel einzusperren.

 

Hätte Sie aus Liebe gehandelt und in sich hineingeschaut, wie es im Text beschrieben wurde, hätte sie dem Vogel, den sie so liebte, nicht das genommen, was für den Vogel Glück bedeutete.

 

Viel zu oft im Leben hinterfragen wir unser Handeln nicht, viel zu oft treiben uns Ängste dazu, unbewusst zu handeln, auch negative Emotionen und alte Muster verleiten uns, Dinge zu tun, die uns und auch anderen Leid zufügen und uns dadurch ins Unglück stürzen.

 

In dieser Geschichte wird unser eigenes, modernes Verhalten oder auch Muster der Habgier wiederspiegelt, wir alle, wollen besitzen, das ist in unseren Köpfen aufgrund unserer Kultur so verankert und schon in jungen Jahren setzt sich dies in unseren Köpfen fest. Aber wir wollen nicht nur Gegenstände besitzen, nein, wir wollen auch unsere Partner besitzen.

Lange Zeit habe ich nicht verstanden, wieso das Konzept des „Attachments“, also an jemanden sehr stark gebunden zu sein, im Yoga als eine negative Eigenschaft angesehen wird.

 

Denn für mich war eine starke Bindung zwischen zwei Menschen immer ein Zeichen ihrer Liebe. Aber diese Bindung kann auch krankhaft sein, denn ich habe verstanden, dass sich dieses Attachment in vielen Fällen aus Habgier oder wegen Ängsten entwickelt und nicht aufgrund der Zuneigung, die für jemanden empfunden wird.

 

Diese Geschichte ist das perfekte Beispiel, denn es bedarf echter Liebe, ja auch Courage, dem Menschen, den man liebt, die Freiheit zu geben, die er braucht.

Auch für den, der liebt, ist es befreiend, denn im Glück des anderen finden auch wir unser Glück.

Wer immer nur nach Besitz strebt, der nimmt sich selbst die Freiheit zu leben.


Kontakt:

Anna Hartmann

E anna_hartmann(at)hotmail(dot)de

Vinyasa Yoga Teacher
B.A. International Tourism Management


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